Hoher Frauentag: Maria, Lilith und die zwei Seiten deiner weiblichen Kraft
Der Hohe Frauentag am 15. August feiert Maria, doch hinter dem Marienfest liegt eine viel ältere Geschichte über weibliche Kraft, und über eine zweite Frau, die in keiner Prozession vorkommt: Lilith. Wer an diesem Tag nur die Kräuterbuschen sieht, übersieht, worum es im Kern geht: um zwei Gesichter des Weiblichen, die beide in dir wohnen.
Am 15. August ist in Tirol Landesfeiertag. In den Kirchen werden Kräuterbuschen gebunden und gesegnet, der Frauendreißiger beginnt, und im Volksmund heißt der Tag schlicht „Hoher Frauentag“ oder „Großer Frauentag„. Gefeiert wird Mariä Aufnahme in den Himmel, die Frau, die mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Für viele ist das ein rein kirchliches Fest. Für uns Frauen liegt darin mehr:
Was am Hohen Frauentag wirklich gefeiert wird
Der Hohe Frauentag zählt zu den ältesten Marienfesten der Christenheit und reicht bis ins 5. Jahrhundert zurück. Der bekannteste Brauch ist die Kräuterweihe. Eine alte Legende erzählt, die Apostel hätten das Grab Marias geöffnet und darin keinen Leichnam gefunden, sondern Blüten und wohlriechende Kräuter. Aus dieser Überlieferung entstand die Praxis, zu Mariä Himmelfahrt kunstvoll gebundene Sträuße mit heimischen Heilpflanzen segnen zu lassen. Die Frauen binden 7, 9, 12 oder mehr Kräuter zu Buschen, immer eine als heilig geltende Zahl.
Mit dem 15. August beginnt zugleich der Frauendreißiger, jene dreißig Tage bis zum Kleinen Frauentag am 8. September, die als besonders segensreich gelten. Es ist eine Zeit, die den Frauen gehört. Eine Einladung, einen inneren Raum zu betreten und tiefer bei sich anzukommen.
Doch das Fest hat eine Geschichte hinter der Geschichte. Denn die Verehrung „der Frau am Himmel“ ist weit älter als das Christentum. In vielen frühen Kulturen wurde um diese Zeit die große Göttin gefeiert, die Magna Mater, verantwortlich für Fruchtbarkeit und Ernte. Die Römer feierten am 15. August die Göttin Diana, in Ägypten galt derselbe Tag der Isis. Die katholische Kirche hat diesen alten Kult nicht ausgelöscht, sie hat ihn übernommen und Maria darübergelegt. Wahrhaftiges bleibt, nur die Namen wechseln.
Maria: das lichte, das mütterliche Gesicht
Maria ist die Hohe Frau, die Königin der Heiligen, deren Licht alles überstrahlt. Sie repräsentiert das Mütterliche in der Spiritualität, jene Energie, die auch in uns das Mütterliche heilt und uns mit dem Göttlichen verbindet. Als Frauen verkörpern wir diese Fähigkeit, Leben zu schenken, im Wörtlichen wie im Übertragenen.
Maria steht für Hingabe, für Reinheit, für die nährende, umhüllende Kraft. Sie ist die Frau, die verehrt, geliebt und über Jahrhunderte gefeiert wurde. Und genau darin liegt schon der erste Hinweis: Ein bestimmtes Bild der Frau durfte immer öffentlich strahlen. Die fürsorgliche Mutter, die Hüterin, die Sanfte. Dieses Gesicht des Weiblichen war willkommen.
Es gibt aber ein zweites Gesicht. Eines, das kein Fest bekam.
Lilith: die verdrängte, die wilde Kraft
Lilith kommt in keiner Kräuterweihe vor. Sie ist die Frau, die aus der offiziellen Geschichte herausgeschrieben wurde. In der mythologischen Überlieferung ist sie die Erste, noch vor Eva, und sie ordnet sich nicht unter. Sie fordert Gleichwertigkeit, und als sie sie nicht bekommt, verlässt sie das Paradies, statt sich zu beugen.
Lilith ist ein Archetyp weiblicher Urkraft, der bereits vor über 5000 Jahren als Schöpfungsgöttin in der sumerischen Mythologie auftaucht. Sie steht für das Ungezähmte, für Selbstbestimmung, für die wilde, ursprüngliche Naturkraft, die sich nicht besiegen lässt. Ihr Wissen ist intuitiv, körpernah, in den Zellen gespeichert. Es ist jene Intelligenz, die weit über das logische Denken hinausreicht.
Dass diese Kraft über Jahrhunderte als bedrohlich galt, ist kein Zufall. Eine Frau, die selbst über ihre Grenzen entscheidet, die frei und authentisch ihrem eigenen Weg folgt, ließ sich schwerer einordnen als die fürsorgliche Hüterin. Also wurde Lilith in den Schatten verbannt, zur Dämonin erklärt, zum Warnbild. Was nicht kontrollierbar war, wurde unsichtbar gemacht.
Lilith bringt Schattenkraft ins Licht: Wut, Sehnsucht, Wildheit, das klare Nein. In integrierter Form wird daraus Klarheit, Freiheit und Selbstachtung. Sie erinnert daran, dass wahre Selbstliebe nicht durch Anpassung entsteht, sondern durch das mutige Ja zu sich selbst, mit allen Facetten.
Warum ich Maria und Lilith nebeneinanderstelle
In der klassischen Mythologie ist Liliths Gegenspielerin nicht Maria, sondern Eva. Wenn ich Maria und Lilith am Hohen Frauentag dennoch zusammenbringe, ist das eine bewusste Setzung. Denn diese beiden Figuren markieren etwas, das sich am 15. August wie unter einem Brennglas zeigt: Das eine Gesicht der Frau wurde jahrhundertelang gefeiert, das andere jahrhundertelang gefürchtet.
Maria durfte in den Himmel aufgenommen werden. Lilith wurde in die Unterwelt verbannt. Die eine bekam Prozessionen, die andere bekam schlechten Ruf. Und doch sind beide dasselbe: weibliche Kraft. Nur in zwei Richtungen.
Hier hilft ein Blick auf die Polarität dahinter, das alte Wissen um die zwei Kräfte, die alles Lebendige durchziehen. Die eine ist empfangend, nährend, hingebend. Die andere ist gestaltend, grenzsetzend, durchsetzend. Weder ist „gut“ noch „böse“. Sie brauchen einander. Eine Frau, die nur Maria lebt, verliert sich in Fürsorge, bis nichts mehr für sie selbst übrig ist. Eine Frau, die nur Lilith lebt, kämpft und trennt, wo sie eigentlich verbunden sein möchte.
Das Reife liegt nicht darin, sich für eine Seite zu entscheiden. Es liegt darin, beide in sich zu kennen.
Die zwei Frauen in dir
Vielleicht spürst du beim Lesen, welche der beiden dir vertrauter ist. Für viele Frauen ist es Maria. Wir haben gelernt, die Nährende zu sein, die Verlässliche, diejenige, die trägt. Und das ist eine echte Kraft, keine Schwäche. Doch wenn Maria zur einzigen erlaubten Rolle wird, fehlt etwas. Es fehlt die, die auch einmal Nein sagt. Die eigene Grenzen kennt. Die ihren eigenen Weg geht, auch wenn er nicht gefällt.
Lilith ist nicht die Bedrohung, als die sie beschrieben wurde. Sie ist die Einladung, das Verborgene zu erforschen und die Kraft zu nutzen, die in deinen eigenen Tiefen liegt. Sie ist jene Stimme in dir, die weiß, was sie will. Der Hohe Frauentag, gedacht als Fest der einen Frau, wird so zu einer Einladung, beiden Frauen in dir zu begegnen.
Am Ende dieses Festes, das eine Frau verehrt, liegt also eine leise Frage an dich:
Welcher deiner beiden Gesichter hast du zu wenig Raum gegeben, und was wäre, wenn du auch ihr am Hohen Frauentag einen Platz einräumst?
Häufige Fragen zum Hohen Frauentag
Was ist der Hohe Frauentag?
Der Hohe Frauentag am 15. August ist das Fest Mariä Aufnahme in den Himmel, im Volksmund auch „Großer Frauentag“ genannt. In Tirol ist er zugleich Landesfeiertag. Er zählt zu den ältesten Marienfesten und geht bis ins 5. Jahrhundert zurück.
Warum heißt der 15. August „Hoher Frauentag“?
Der Name betont die Bedeutung Marias als Frau, nicht nur als Mutter Jesu, sondern als Vorbild und als „Hohe Frau“. Der „Kleine Frauentag“ ist Mariä Geburt am 8. September, dazwischen liegt der Frauendreißiger.
Was hat der Hohe Frauentag mit weiblicher Spiritualität zu tun?
Hinter dem Marienfest liegt eine viel ältere Verehrung der großen Göttin. In vielen Kulturen wurde um den 15. August die weibliche Urkraft gefeiert, etwa Diana bei den Römern oder Isis in Ägypten. Der Tag lädt Frauen ein, ihrer eigenen weiblichen Kraft zu begegnen.
Was bedeutet der Archetyp Lilith?
Lilith ist ein Archetyp der weiblichen Urkraft und steht für Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und das Ungezähmte. Mythologisch gilt sie als die erste Frau, die sich nicht unterordnet. Sie verkörpert jene weibliche Kraft, die über Jahrhunderte verdrängt wurde.
Wie hängen Maria und Lilith zusammen?
Maria und Lilith stehen hier für zwei Gesichter des Weiblichen: das gefeierte, hingebende, mütterliche und das verdrängte, wilde, autonome. Beide sind weibliche Kraft. Wahre weibliche Reife bedeutet, beide Seiten in sich zu kennen und ihnen Raum zu geben.











Danke ein sehr guter Artikel der zum Denken anregt.